Klassiker: Wir empfehlen drei Bücher über Mali

Peter Pannke (Text) und Horst A. Friedrichs (Fotografie)

Reise durch ein magisches Land

Mali

Es begann mit einem Traum, erfahren wir über Autor Peter Pannke. Als er zum ersten Mal in Bamako landete, ging es ihm wie vielen, die ein neues und zunächst sehr fremdes Land betreten: Er war verwirrt und kurz davor, seine Reise abzubrechen. Zum Glück tat er das nicht. Er folgte einem Traum, der ihm nahelegte, das wirkliche Mali zu erkunden, jenes, das hinter den verstörenden Bildern liegen sollte. Dafür müsse er Malier nach ihren Träumen befragen . . .

Mit Fotograf Horst A. Friedrichs an seiner Seite machte sich Pannke auf seine “Traum-Reise” und aus den Begegnungen, Geschichten, Erlebtem und einem gigantischen Fotomaterial später einen Bildband, der nicht berührender und ansprechender sein könnte. Er zog es durch, befragte Menschen nach ihren Träumen, was ihm einen sehr speziellen Blick auf Mali offenbarte. Ihn teilt Peter Pannke dem Leser mit, in Geschichten wie der Prinz der Kora, Juwel aus Lehm, die Stimme des Krokodils, beseeltes Holz oder die mythische Stadt Timbuktu. Von einem Marabout erfährt er, wie aus dessen Sicht ein Traum korrekt analysiert und bewertet werden sollte.

Beide Autoren hatten das Privileg, den großen malischen Fotografiekünstler Malick Sidibé in seinem Studio in Bamako zu treffen und mit ihm über seine Arbeit und seine Sicht auf die Gesellschaft seines Landes zu sprechen; und über seine bzw. die Träume der anderen. Seine Arbeit schildert Malick Sidibé so: “Ich inszeniere die Träume, die die Menschen von sich selber haben.” Sidibé starb im April 2016. Seine Bilder bleiben und mit ihnen eine Chronologie der malischen Gesellschaft, auch wenn Sidibé selbst nie den Anspruch erhob, ein Chronist zu sein.

Die Fotografien von Horst A. Friedrichs sind spektakulär. Er verstand es, die Menschen für seine Portäts zu öffnen, er erfasste ihre Charaktere. Ihm gelangen grandiose Landschaftsaufnahmen und Bilder von stimmungsvollen und aussagekräftigen Alltagsszenen. Fotos und Texte ergänzen sich in dem Bildband ausgesprochen gut.

So absurd die Herangehensweise an die Recherche anmuten mag, der Bildband ist fern jeglicher Absurdität. Aus den Träumen entwickelt Peter Pannke mit sprachlicher Schönheit einzigartige Erzählungen und Beschreibungen. Horst A. Friedrich zeigt traumhaft schöne Bilder dazu.

Frederking & Thaler Verlag, München 2008,
ISBN: 978-3-89405-693-3

Website des Fotografen: horstfriedrichs.com

Charlotte Wiedemann

Mali oder das Ringen um Würde

Meine Reisen in einem verwundeten Land

Das Jahr 2012 änderte alles. Putsch, das Ende einer Fassaden-Demokratie, Krieg. Die Ereignisse, die Mali international kurz in die Schlagzeilen katapultierten, liegen einige Jahre zurück. Die Journalistin Charlotte Wiedemann kennt das Land vor und nach dieser Zeit. In ihrem Buch nennt sie Mali ein verwundetes Land, das an einer Wegscheide steht. Was folgt auf den Schock der Krise? Das Entstehen einer wahren Demokratie, oder werde es zum bloßen Objekt westlicher Sicherheitsstrategien? Eine Antwort darauf kann es noch nicht geben, die Zukunft ist ungewiss. Sie ist es bis heute …

In dieser Phase beobachtet, analysiert und benennt Charlotte Wiedemann, was die Malier bewegt und prägt, was sie erhoffen, welcher fatalen postkolonialen und ökonomischen Fremdbestimmung sie ausgesetzt sind. Die Wahrheit sei komplizierter als es mediale Schlaglichter und sperrige Politiker-Statements vermitteln. Das betrifft auch das Dilemma im Norden Malis. Der Westen destillierte ein eher simples Feindbild, die Realität sei eine andere: Dieses Feindbild eignete sich vielleicht für Bombardierungen aus der Luft. „Am Boden, wo ich recherchierte, befand ich mich in einer höchst unübersichtlichen Topographie von Taten und Tätern“, schreibt Wiedemann. Immer sucht sie den direkten Kontakt zu den Maliern, spürt das Ungefilterte auf, formuliert auf den Punkt. Sie zeigt viel Sachverstand, aber auch große Empathie.

In der Hauptstadt Bamako – eine Moderne ohne Asphalt – begleitet die Autorin den Journalisten Alou Diawara und die Griotin Adam Koyaté. Sie besucht Bauern in einem Baumwolldorf, die Globalisierungskritikerin Aminata Dramane Traoré, den Leiter der größten privaten Bibliothek mit islamischen Manuskripten, Abdelkadar Haïdara. Sie reist in den Norden, nach Hombori und Gao, wo sie nach Antworten auf die ungeklärten Fragen des Konfliktes sucht, entschlüsselt Spuren der Islamischen Polizei, der islamistischen Gruppen, von Banditen, skrupellosen Geschäftemachern, von denjenigen, die das Krisengebiet verließen und vor ihrer Verantwortung flohen.

Die Stärke dieses Buches ist der kluge Weitblick – das Einordnen der aktuellen Situation in Malis reiche, stolze und nach dem Ende der Kolonialzeit unstete Geschichte sowie das exakte Beschreiben der komplizierten globalen Gemengelage, in der sich ganz Westafrika befindet. Was braucht Mali jetzt am meisten? Bürger, die ihre Machthaber kontrollieren, eine Ablösung der alten politischen Klasse und eine selbstbestimmte Definition, was nationale Sicherheit bedeutet. Charlotte Wiedemann nennt es einen Weg der Selbstheilung.

Pantheon Verlag, München 2014,
ISBN: 978-3-570-55257-5

Website der Autorin: charlottewiedemann.de

Lydia Gautier und Jean-François Mallet

Der Geschmack Afrikas

50 Rezepte

Vier bewegte Jahre verbrachte Lydia Gautier in Mali. Getrieben von Neugier und kulinarischer Abenteuerlust entdeckte sie die afrikanische Küche, lernte die Gastfreundschaft in den Großfamilien, den Charme der unzähligen kleinen Garküchen an Straßenrändern, viele unbekannte Zutaten und Aromen kennen.

Der französische Koch und Fotograf Jean-François Mallet testete alle Rezepte in diesem Buch und sorgte dafür, dass sie mühelos nachgekocht werden können, sofern man die Original-Zutaten auch in Europa erhält. Außerdem stammen die Fotos in dem Buch von ihm.

Erdnüsse, Ingwer, Kochbananen, Zwiebeln, Baobabpulver alles erzeugt im eigenen Land diese Zutaten finden sich in vielen malischen Gerichten; und es lässt sich vieles damit zubereiten: Fisch, Fleisch und Gemüse. Die Autorin erzählt die Geschichten zu den Speisen: Was wird zu den ausgiebig gefeierten Hochzeiten und zu anderen Festtagen serviert, was sind die traditionellen Gerichte der jeweiligen Ethnien Malis, was wird gegessen als kleiner Snack zwischendurch, was zum Frühstück? So vermittelt das Buch nicht nur klar strukturierte Rezepte, sondern erzählt auch das Landestypische, spiegelt den Alltag, macht schlauer. Wer den oft gehörten Satz im Ohr hat: “Mali ist eines der ärmsten Länder dieser Welt.”, erfährt, dass es trotz der Probleme im Land eine bemerkenswerte Esskultur gibt. Das Speisen im Kreis der Familie und mit Freunden, Gästen und das Teilen haben einen hohen Stellenwert. Die Rezepte im Buch sind meist für 4-6 oder gar für 8 Personen ausgelegt. Wenn gekocht wird, dann richtig und für viele!

Süßspeisen kommen nicht zu kurz im Buch (z.B. Joghurt mit Hirse oder würzigem Honig, Erdnusskrokant). Über Getränke erfährt der Leser viel Authentisches: wie Tee auf traditionelle Art zubereiten wird, welche Gewürze beliebt sind, und aus welchen Früchten (Hibiskus, Tamarinde, Baobab) und wie die Malier Säfte zubereiten. Lydia Gautier verfasste ein kleines ABC der Zutaten und Fachwörter, das lesenswert und nützlich ist. Darin erfährt man auch, wie Gerichte und Zutaten auf Bambara (die in Mali am weitesten verbreitete Sprache) heißen und ausgesprochen werden.

Das Buch lebt durch die Kraft der Fotografien Jean-François Mallets, in Farbe und in Schwarzweiß. Neben den Rezepten vermitteln sie den Geschmack Afrikas.

Christian Verlag, München 2007,
ISBN: 978-3-88472-746-1

Titel französische Originalausgabe: Le vrai goût du Mali,
Verlag Hermé, Paris 2006

Website der Autorin: lydiagautier.com

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